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Rubrik:
Pferdegesundheit


Rollkur (LDR) ist Doping!

Warum er diese These aufstellt, erklärt Ralf Döringshoff mit Hilfe des Gate Control Mechanismus

Veröffentlicht am 10.01.2017 / Zuletzt aktualisiert am 12.10.2017

Zugegeben, diese Aussage ist sehr provokant aber auch interessant. Interessant ist auch, dass es heutzutage als provokant gilt, die Wahrheit zu sagen. Wieviel Wahrheit in der Behauptung steckt, können sie aus den folgenden Erläuterungen selbst ermitteln. In etwa 10 Minuten kennen Sie sich aus!
Es gibt das Phänomen, dass Menschen mit starken Verletzungen nicht vor Schmerzen schreien, obwohl sie nicht komatös sind.
Ein Beispiel:
Ein Mensch mit doppeltem offenem Beinbruch ist ruhig, ansprechbar und in der Realität.
Wie ist das möglich?
Eine Erklärung, warum die hier zu erwartenden Schmerzen ganz offensichtlich nicht dem Gehirn gemeldet werden liefert der sogenannte
Gate-Control-Mechanismus. 1965 wurde diese Theorie eines körpereigenen Schmerzhemmsystems veröffentlicht.
Der Gate-Control-Mechanismus macht demnach das gleiche wie jedes Schmerzmittel, die Weiterleitung der Information  Schmerz  wird unterbunden.
Der Gate-Control-Mechanismus kann aber nicht nur durch einen dramatischen Unfall mit schwerwiegenden Verletzungen aktiviert werden, bei dem das Gehirn vor der großen Flut an Informationen geschützt wird.
Auch die ständig wiederholte gleiche Information wird irgendwann „ausgeblendet“.
So lässt sich das Phänomen des „Einlaufens“ auch bzw. gerade von jungen Pferden erklären. Ein Pferd muss sich „einlaufen“, wenn es nicht ganz taktrein geht, aber es ist auch nicht klar lahm. Nach einer gewissen Zeit (Erfahrungswert ca. 10 min.) geht es dann klar, das Pferd hat sich „eingelaufen“. Viele Therapeuten sagen dann: Jetzt ist der Bereich gefühlstaub.
Die immer gleiche Information des bei jedem Schritt auftauchenden Schmerzes, der zu der nicht taktreinen Bewegung führt, geht dem Gehirn dann irgendwann im wahrsten Sinne „auf die Nerven“. Diese Info wird dann im Gate-Control-Mechanismus abgefangen.
Auch bei der Kopf-Hals-Position LDR werden Strukturen bis in den Schmerzbereich hinein strapaziert.
Das Nackenband wird stark überdehnt. Eine Bänderdehnung ist extrem schmerzhaft.
Die Genick- und Halsmuskeln werden stark  überdehnt. Auch das ist schmerzhaft.
Sicherlich werden auch die Nerven selbst, sowohl die Kopf- wie auch die Spinalnerven strapaziert, was ebenfalls schmerzhaft sein dürfte.
Dazu kommen dramatische Veränderungen der natürlichen Biomechanik des Pferdes, was weitere Strukturen vor allem im Bewegungsapparat des Pferdes übermäßig und in den Schmerzbereich hinein belasten dürfte.
Basierend auf den Erfahrungen des „Einlaufens“ drängt sich der Verdacht auf, dass all diese Informationen irgendwann im Gate-Control-Mechanismus abgefangen werden.
Wie lange dauert es, bis ein Pferd sich „eingelaufen“ hat? Ungefähr 10 Minuten!
Wie lange ist die Rollkurhaltung erlaubt? Ungefähr 10 Minuten.
Toleriert wird diese Kopf-Hals-Position für genau das Zeitfenster, das benötigt wird, um den Gate-Control-Mechanismus als Schmerzinformationshemmsystem zu aktivieren.
Damit wird letztendlich eine globale Betäubung des ganzen Körpers erreicht, das macht auch jedes Schmerzmittel, dessen Einsatz bei Pferden im Sport als Doping gilt.
Mit ein bisschen Empathie für das Pferd dürfte man Verständnis entwickeln können dafür, dass die Rollkur massiven Stress für das Pferd bedeutet. Es kann nicht mehr sehen, was rundherum passiert und kann auch nicht mehr vernünftig atmen.
Auch diese Stresssituation managt der Körper mit den bekannten Stresshormonen Adrenalin und Noradrenalin.
Noradrenalin wirkt als Acetylcholinhemmer unterbindend auf den Informationstransport in den Nervensynapsen. Wird die Information nicht weitergeleitet, kommt sie nicht im Gehirn an, der Schmerz wird nicht registriert.
Das ist die Idee von Schmerzmitteln, die genau aus dem Grund ganz oben auf der Dopingliste stehen. Denn wenn die Strukturen ihre Situation nicht melden können, um damit eine Schonung zu erfahren, dann werden sie weiterhin massiv überlastet und weiter geschädigt, was zu mehr Schmerzen führt. Darum dürfen Pferde unter dem Einfluss von Schmerzmitteln keiner Leistungsabfrage (Turniersport) ausgesetzt werden.
Während aber der Einsatz von Schmerzmitteln verboten ist, wird die Aktivierung von zwei Mechanismen  toleriert, nämlich der Gate-Control-Mechanismus und die Ausschüttung von Noradrenalin. Beide machen, jedes für sich, genau das gleiche  wie jedes Schmerzmittel.
Doppelt wirkt besser!?
Der Einsatz von Schmerzmitteln ist Doping, weil letztendlich Tierquälerei.
Die Rollkurhaltung mit Doppelwirkung der „Schmerzstillung“ ist eine akzeptierte Trainingsmethode. Ein Phänomen, zwei Definitionen, das ist Hochverrat am Pferd.
Die Wahrheit ist, dass das von den Dachorganisationen des Reitsports initiiert ist, die gleichzeitig in der Öffentlichkeit mehr Fairness gegenüber dem Partner Pferd im Sport fordern.
Das ist in der Tat sehr provokant! Und interessant….

 

Im Videomitschnitt der Podiumsdiskussion auf der Pferd&Jagd 2015 erläutert Ralf Döringshoff dies ebenfalls ausführlich:

 

Eva Lydeking-Olsen aus Dänemark hat bereits in ihrem 2012 bei uns auf Deutsch erschienenen Gastbeitrag bei uns in einer Metastudie Ergebnisse und weitere Forschungsfragen zur biochemischen Wirkung der Rollkur zusammengetragen.

von Ralf Döringshoff

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Expertenteam

Ralf Döringshoff
  • Besamungstechniker für Pferde
  • Pferdewirtschaftsmeister Zucht+Haltung
  • Trainer Leistungssport (mit Lütke-Westhues-Auszeichnung)
  • Osteopath und Physiotherapeut f. Pferde n. Welter-Böller
Dr. Kathrin Irgang
  • Veterinärmedizin
  • Ernährungsberatung Kleintiere
  • Führt eine Ernährungsberatungspraxis für Pferde, Hunde und Katzen