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Rubrik:
Rasseportraits


Die Hankenbeugung

Pferde müssen die Hankenbeugung nicht lernen. Durch ihre Spannsägenkonstruktion muss der Reiter allerdings als Voraussetzung zur Hankenbeugung für lockere Muskeln sorgen...

Veröffentlicht am 08.01.2017 / Zuletzt aktualisiert am 12.10.2017

Aus dem Buch von Ralf Döringshoff: Die klassische Reitlehre – Ein Gedicht


Was bedeutet Hankenbeugung?

Als Hanken bezeichnet man in der Reitersprache die großen Gelenke der Hinterhand, Hüft-, Knie- und Sprunggelenk.
Schauen wir uns einen Menschen bei der Beugung dieser Gelenke an:

Drei Dinge könnte der Mensch mit Hankenbeugung vorhaben:

 

1. Er möchte gerade einen Sprung machen
2. Er landet gerade
3. Er setzt sich gerade hin

 

Diese Zick-Zack- Ähnliche Anordnung des Körpers bei der Hankenbeugung finden wir bei der grundsätzlichen Konstruktion des Hinterbeines des Pferdes:

Hankenbeugung schützt Bänder und Sehnen

 

Aufgrund der Konstruktion seines Hinterbeines ist das Pferd also immer auf dem Sprung, was seinem Dasein als Fluchttier durchaus entgegenkommt.
In einer Landephase, wenn wir z.B. vom Tisch springen, gehen wir in die Knie, so wird die Bewegungsenergie des Körpers in der bremsend (exzentrisch) arbeitenden Muskulatur kompensiert, die Knochen, Sehnen, Bänder und vor allem der Gelenkknorpel werden geschont. Wie sehr, das erfährt man, wenn man mit gestreckten Knien landet.

 

Somit ist der Bewegungsablauf mit Hankenbeugung vor allem für die Gesundheit des Pferdes sehr wichtig, denn so werden Gelenke, Sehnen und Bänder vor Überlastung geschützt.

Die Spannsägenkonstruktion

 

Das Hinterbein des Pferdes bietet eine anatomische Besonderheit, die Spannsägenkonstruktion. Sie verbindet Knie und Sprunggelenk miteinander, somit arbeiten Knie und Sprunggelenk gemeinsam in gleicher Bewegungsrichtung. Die Beugung des Kniegelenkes nimmt das Sprunggelenk mit in die Beugung, das gleiche gilt für die Streckung.

 

Bisher wurde dieser Mechanismus als passiver Stehmechanismus beschrieben. Das Pferd kann die Kniescheibe auf dem Oberschenkel (genau gesagt auf dem medialen Rollkamm) fixieren, damit ist das Knie in Streckung arretiert, das Sprunggelenk damit auch, das Pferd kann fast ohne muskulären Aufwand auf dem Bein stehen, dazu das andere entlasten.

 

Aber die Spannsägenkonstruktion bietet mehr:
Sie macht aus dem Hinterbein eine Sprungfeder. Verantwortlich dafür ist die Art der Verbindung von Knie- und Sprunggelenk. Sie wird gebildet von zwei Muskelsträngen, dem Musculus fibularis tertius und dem M. Flexor digitorum superficialis.

Der M. flexor digitorum superficialis ist im Bereich des Röhrbeines (grün) als oberflächliche Beugesehne bekannt und tastbar. Der M. fibularis tertius, der die vordere Verbindung von Knie-, und Sprunggelenk bildet, wird in Fachbüchern auch als M. peroneus tertius oder Tendo femorotarseus bezeichnet.

 

Die beiden Muskeln heißen zwar so, haben aber kaum kontraktile Fasern, sie sind beim Pferd also mehr eine Sehne als ein Muskel. Eine Sehne besitzt sehr hohe Zugfestigkeit bei nur sehr geringer Eigenelastizität. Damit kann man die Sehne mit einem sehr straffen Gummiband vergleichen. Bauen wir diese Gummibänder in die Konstruktion des Hinterbeines ein, dann wird der Federmechanismus deutlich:

 

Der Autor mit dem selbst entworfenen Modell der Spannsägenkonstruktion:

Die Hankenbeugung muss das Pferd nicht lernen!

 

Die Hankenbeugung gehört zum natürlichen Bewegungsablauf, wir brauchen sie dem Pferd nicht beibringen, wir müssen sie „nur" zulassen, denn das Pferd möchte sich gerne mit Hankenbeugung gesund und energieeffizient bewegen.

 

Über das Beugen in den Hanken wird die Bewegungsenergie des Körpers über die nachgebende Muskulatur vorbei an den knöchernen Strukturen in die Spannsägenkonstruktion geschickt, dieser Federmechanismus unterstützt dann ganz entscheidend die Streckung von Knie- und Sprunggelenk in der Stemmphase. Dadurch entsteht der Eindruck, das Pferd federt tänzerisch aus dem Hinterbein heraus nach vorne. Das sind die schönen Bewegungen, die wir uns wünschen. Aber nur entspannte Muskulatur kann nachgeben, entspannte Muskulatur, die haben wir nur, wenn wir die Losgelassenheit erreicht haben, erhalten können, oder, wenn sie verloren gegangen ist, wieder herstellen können.

 

Darum ist die Losgelassenheit so wichtig, nur in diesem Modus kann das Pferd sich schön und gesund bewegen.

 

Die klassische Reitlehre fordert weiterhin:

 

Das Pferd soll sich für die Lastaufnahme setzen. Warum das so ist, das erklären wir im nächsten Artikel über die Hankenbeugung.

 

Demnächst hier bei Equimondi.

von Ralf Döringshoff

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Expertenteam

Ralf Döringshoff
  • Besamungstechniker für Pferde
  • Pferdewirtschaftsmeister Zucht+Haltung
  • Trainer Leistungssport (mit Lütke-Westhues-Auszeichnung)
  • Osteopath und Physiotherapeut f. Pferde n. Welter-Böller
Dr. Kathrin Irgang
  • Veterinärmedizin
  • Ernährungsberatung Kleintiere
  • Führt eine Ernährungsberatungspraxis für Pferde, Hunde und Katzen