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Jörg Killinger Problempferd Verhaltensforschung Mensch-Pferd Beziehung



Wie bekommt ein Pferd „Menschenprobleme“?

In diesem Teil der Gesprächsreihe mit Jörg Killinger geht es um den Part des Menschen in der Mensch-Pferd-Beziehung.

 

Veröffentlicht am 03.04.2017 / Zuletzt aktualisiert am 08.11.2017

In den vorangegangen beiden Teilen hat Jörg Killinger hat JK anhand der sozialen Struktur einer Pferdeherde erläutert, warum er statt auf Dominanz auf eine vertrauensvolle Beziehung zu seinem Pferd setzt, um eine Führungsposition bei seinem Pferd einzunehmen.

In der Literatur finden sich ganze Buchregale voll mit Ratgebern über sogenannte Problempferde. Viele sogenannter „Problempferde“-Trainer sind sich heute einig, dass das eigentliche Problem am anderen Ende des Führstricks hängt. Aber was ist da eigentlich problematisch? Wie wird man eigentlich ein Pferd mit Menschenproblem? Zeit, sich mit dem Faktor „Mensch“ in der Mensch-Pferd-Beziehung zu beschäftigen.

Voraussetzungen seitens des Menschen für eine vertrauensvolle Bindung

„Eine sichere Bindung kann nur aufbauen, wer selbe eine solche schon in der eigenen Kindheit erfahren hat.“, so JK. Jemand der eine sichere Bindung zu seinem Pferd aufbauen möchte, muss selbstsicher sein d.h. im wörtlichen Sinne sich seiner Selbst sicher sein und eindeutig in seinem Verhalten und seinen Reaktion in der Kommunikation. Wer das nicht hat, der kann schnell zu einem Problem für sein Pferd werden. JK spricht sich gegen Dominanz mit dem Ziel der Unterwerfung oder Unterordnung eines Pferdes gegenüber dem Menschen aus. Stattdessen plädiert er für eine vertrauensvolle Bindung zwischen Pferd und Mensch, in der der Mensch die Rolle eines vertrauenswürdigen Partners in der Interaktion mit dem Pferd einnimmt. Zur Erinnerung: Leitpferd ist meistens die erfahrene Stute in der Herde, denen die Herdenmitglieder das meiste Vertrauen schenken. Dafür muss es nicht nur über die nötige Erfahrung als Leitpferd verfügen, die Herdenmitglieder müssen ihr vor allem vertrauen. Dazu muss sie wiederum Sicherheit und beständige Klarheit in ihrem Verhalten ausstrahlen.

Ambivalentes Verhalten ist für Pferde nicht berechenbar

Ein Leitpferd ist aber vor allem eins: zuverlässig und kontinuierlich einschätzbar für seine Herdenmitglieder. Daran scheitern einige Menschen.

Beispiel: Heute wird das Betteln am Putzplatz mit einem Klaps bestraft, morgen wird dem Pferd dafür ein Leckerli ins Maul gesteckt, weil er doch so niedlich guckt und beim dritten Mal wird das Pferd für sein Verhalten angebrüllt.

So ein Besitzer ist für sein Pferd in seinen Reaktionen völlig unberechenbar. Wen wundert‘s da eigentlich wenn das Pferd einem solchen Menschen in kritischen Situationen nicht vertraut?

Menschen mit unsicheren Bindungsmustern sind unsichere Anführer

Besonders Menschen, die selber unsicher-ambivalente Bindungen erfahren haben, neigen dazu, selber nicht berechenbar für das Gegenüber zu sein. Das heißt noch nicht mal, dass der Mensch das in voller Absicht tut. Den meisten Menschen ist nicht mal bewusst, dass sie sich derart ambivalent verhalten und somit eine derartige Ausstrahlung haben. Gerade diese Menschen fallen allerdings in Reitställen besonders auf. Jeder, der mal irgendwann mit seinem Pferd in einem Pensionsstall gestanden hat, kennt sie. Die Menschen, denen man nichts recht machen kann und die permanent in der Stallgemeinschaft Unfrieden stiften. Meistens bleiben sie nirgendwo lange und ziehen mit ihrem Pferd von Reitstall zu Reitstall. Sobald sie irgendwo angeeckt sind, ziehen sie weiter in den nächsten Stall. Bis irgendwann keine Ausweichmöglichkeit übrig ist, dann passen sie sich notgedrungen zu einem gewissen Maß an. Leider heißt das auch für das Pferd, dass es kaum sichere soziale Bindungen unter seinesgleichen eingehen kann, wenn es permanent von einer Herde zur nächsten wechseln muss.

Fehlersuche im Pferd

Typisch für diese Menschen ist auch, dass sie Fehler grundsätzlich bei allen anderen suchen: der Hufschmied, der Stallbetreiber, die Reitbeteiligung, der Helfer, der morgens füttert und und und - aber nie bei sich selbst. Da ist auch gerne mal das Pferd schuld, dass die Lektionen nicht klappen. Selbstreflexionsfähigkeit wäre aber Voraussetzung dafür, sein eigenes Bindungserhalten zu überarbeiten. Solche Menschen werden nie vertrauensvolle Herdenchefs d.h. Interaktionspartner für ihre Pferde werden.

Wer hat nicht schon mal von einem anderen Reiter den Spruch gehört „Der verarscht mich!“. Jörg Killinger betont energisch, dass ein Pferd das von seiner kognitiven Struktur gar nicht kann. „Ein Pferd denkt linear“,so JK. Wenn das Pferd sich erschreckt und aus der Ecke springt und dafür geklopft wird und in der nächsten Runde wieder, wird es irgendwann immer aus dieser Ecke springen. Das passiert im Zuge der hier stattfindenden Konditionierung. Ein Pferd kann nicht in die Reitstunde gehen und denken: „Heute zeig ich’s der Alten mal!“. Es verhält sich vielmehr situativ. Diese Situationen zu interpretieren und adäquat zu reagieren, etwa durch Gelassenheit im Falle der Ecke, ist Aufgabe eines souveränen Menschen.

Für ein Pferd ist es allerdings schwer - einmal in der Sündenbock-Position - da wieder rauszukommen. Da stockt der Mensch mal schnell mit schärferen Gebissen, Sporen und Hilfszügeln auf, um das Pferd „unter Kontrolle“ zu bekommen. Fügt er dem Pferd dabei noch Schmerzen oder unangenehme Erfahrungen wie Rollkur-Haltungen zu, zerstört er das Vertrauen ganz. Ein Teufelskreis aus Zwang, Schmerzen und fehlendem Vertrauen auf beiden Seiten entsteht und endet nicht selten in Resignation und erlernter Hilflosigkeit des Pferdes. Das ist aber nicht das Einzige, was eine vertrauensvolle Bindung seitens des Menschen erschwert.

Pervertierung der Mensch-Pferd-Beziehungen

Jörg Killinger warnt Reiter davor, das Pferd als Projektionsfläche für ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu sehen. Das Pferd wird zu Ersatz für Partner, Freunde, Kinder. Aus psychologischer Sicht handelt es sich um eine klassische Projektion. Pferde sind einerseits viel einfacher zu kontrollieren als das jeweilige menschliche Gegenüber. Die Kontrolle über so ein starkes Tier zu haben, ist eine Sehnsucht bei vielen Menschen. Das Pferd kann ja auch nicht so gut Widerworte geben wie menschliche Partner. Gerade aber solche Wünsche auf sein Pferd zu übertragen, und das Pferd als Stellvertreter für menschliche Beziehungen einzusetzen überfordert das Pferd komplett. Das Pferd ist und bleibt ein Pferd, das sensibel auf die Launen seines Menschen reagiert. Wenn der Mensch dann auch noch seine Emotionen wie Wut, Trauer, Aggression oder Hektik mit in den Stall nimmt, dann muss er sich nicht wundern, dass das Pferd auf der Weide Reißaus nimmt, anstatt freudig auf den Menschen zuzukommen.

Partnerschaften sind kompliziert unter Menschen, Pferde sind besser zu kontrollieren (Dominanz)

In der Überspitzung kann es dazu führen, dass das Pferd regelrecht Panik bekommt, wenn es auf der Stallgasse die Stimme seines Menschen nahen hört: „Furieee!“ Muttiiieeh ist da!“ JK selber hat einen Fall in einer frühen Begegnung mitbekommen. Sobald Frauchen in den Stall kam, wurde das sonst so ausgeglichene Pferd völlig panisch und hat in seiner Panik auch schon mal jemanden über den Haufen genietet.

Pferde als Erweiterung des Ichs ihres Menschen

Gerade Frauen mit unsicher-ambivalenten Bindungsmuster verfügen häufig über typisch narzisstische Strukturen, so JK. Während die narzisstische Struktur bei Männern häufig in Abwertung und Wettkampf mündet, ist der eher weibliche Narzissmus im Geben und Helfen und damit Abhängigkeit schaffen angesiedelt. Gerade diese Menschen fühlen sich von Pferden angezogen, weil sie die Bedürfnisse des „abhängigen“ Gegenüber, in diesem Fall das Pferd, befriedigen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn das Pferd gebraucht wird, um das eigene menschliche Ego zu stärken.

weiteres Beispiel: narzisstische Menschen haben häufig das überhöhte Bedürfnis, sich zu schmücken. Schmücken Sie das Pferd, so schmücken sie laut JK ihr erweitertes Ich. Jetzt kann man argumentieren, dass es doch nichts Schlimmes sei, seinem Pferd mal ein paar Zöpfchen zu flechten. Ist es auch nicht. In dem Moment allerdings, wo es Frauchen nur noch um die Zurschaustellung der neuesten Modeaccessoires geht und das Pferd lediglich als lebende Schaufensterpuppe eingesetzt wird, an der die neuesten Pflegeprodukte und Modekollektionen vorgeführt werden, wird es besonders für das Pferd problematisch. Werden dann noch Bedürfnisse wie Bewegung oder soziale Kontakte mit anderen Pferden dafür eingeschränkt, leidet das Pferd unter seinem Menschen.

Das waren nur einige Beispiele dafür, wie Mensch-Pferd-Beziehungen in die falsche Richtung gehen können und wie Menschen durch falsche Bindungsmuster zu „Problemmenschen“ für ihre Pferde werden können. Im letzten Teil der Reihe gibt Jörg Killinger Denkanstöße für eine gute Mensch-Pferd-Beziehung.

Teaserfoto: Quelle Fotolia, Urheber: annaav

 

 

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von Dr. Claudia Mattison/Jörg Killinger

Schlagwörter: Jörg Killinger Problempferd Verhaltensforschung Mensch-Pferd Beziehung

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Expertenteam

Ralf Döringshoff
  • Besamungstechniker für Pferde
  • Pferdewirtschaftsmeister Zucht+Haltung
  • Trainer Leistungssport (mit Lütke-Westhues-Auszeichnung)
  • Osteopath und Physiotherapeut f. Pferde n. Welter-Böller
Dr. Kathrin Irgang
  • Veterinärmedizin
  • Ernährungsberatung Kleintiere
  • Führt eine Ernährungsberatungspraxis für Pferde, Hunde und Katzen