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Mensch-Pferd Beziehung
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Seelenpferd Beistellpferd



….aber er ist doch mein Seelenpferd!

"Seelenpferde" wünschen sich viele Reiter - zumindest solange sie reitbar sind und keine Umstände verursachen.

Veröffentlicht am 06.03.2018 / Zuletzt aktualisiert am 06.03.2018

:-)Seelenpferde kann man kaufen!

Ich bin gerade dabei ein Pferd zu finden, was bedeutet, dass ich nicht direkt suche, sondern mal gucken, was auf dem Markt so los ist. Rasse, Geschlecht und Farbe sind dabei völlig egal, eine gewisse Größe sollte es haben und nicht ganz blutjung sein. Gleich in der ersten Anzeige stolpere ich über das Wort: “Seelenpferd“!

Erinnert mich irgendwie an Bilder mit jungen Mädchen oder Frauen in pastellfarbenen oder weißen Kleidchen neben ihren steigenden Schimmelhengsten oder ihren schlafenden Pferden im Morgentau liegend. Wobei sich bei mir immer die Frage gestellt hat, wie ihre Kleider dabei so sauber bleiben. Da ich keine Konfektionsgröße 36 besitze und weiß mich blass macht, gucke ich weiter. Ein paar Anzeigen dahinter:

“Seelenpferd sucht sein Zuhause - ein besonderes Pferd für einen besonderen Menschen...-“ gefolgt von „Braune ältere Stute, absolut zuverlässiges Seelenpferd für Freizeitreiter oder gerne auch als Beistellpferd…“.

Seelenpferd ohne Seelenmensch?

Nun habe ich immer ganz naiv gedacht, dass man sein Seelenpferd bis zum Schluss bei sich haben möchte, also habe ich mal ein wenig genauer gelesen. Auffällig ist dabei, dass diese Pferde fast alle eine Gemeinsamkeit haben, die oft nur zwischen den Zeilen in den Verkaufsanzeigen steht: Sie sind nicht oder nur bedingt reitbar! Mancher Mensch verliert also die seelische Verbindung zu seinem Pferd wenn er es nicht mehr reiten kann? Hat dann einer von Beiden seine Seele verloren? Kann ja nur der Reiter sein, denn das Pferd ist ja laut Anzeige immer noch ein Seelenpferd.

Also ist ein Seelenpferd ein Reitpferd und wenn es nicht mehr reitbar ist, dann soll es doch bitte das Seelenpferd von jemand anderen werden? Natürlich steht das so nicht in den Anzeigen. Da haben sich dann die Lebensumstände geändert oder es gibt gesundheitliche Probleme, der Beruf lässt einem keine Zeit…Kann alles passieren und ich möchte das auch nicht verurteilen! Was ich aber verurteile ist die Tatsache, dass die gleichen Anbieter häufig eine weitere Anzeige geschaltet haben, in der sie ein „Reitpferd“ suchen! Oder das Seelenpferd gerne auch gegen ein reitbares Pferd eintauschen würden!

Seelenpferd? - na aber bitte ohne "Rattenschwanz"!

Interessant ist auch, dass viele Seelenpferde als Beistellpferde inseriert werden, bzw. man eine Weide für sein Seelenpferd sucht-am besten natürlich in Vollpension ohne zusätzliche Kosten und es darf auch ruhig weiter weg sein. Viele Menschen wünschen sich schließlich so ein Seelenpferd, für das sie eine große Weide pachten, das neue Seelenpferd behutsam in die Herde integrieren, dem sie täglich die benötigten Medikamente verabreichen, mit dem sie jeden Tag spazieren gehen, staubfreies Wiesenheu aus dem Allgäu bestellen, es 3 x täglich mit Spezialkraftfutter füttern und natürlich so lange daneben stehen bleiben, bis es alles aufgefressen hat. Schmied, Osteopath und Tierarztkosten - kein Problem, dafür hat man ja ein Seelenpferd bekommen. Mal ehrlich, das sind alles Dinge, die ich für mein altes Pferd gerne mache, aber kaufe ich mir dafür ein Pferd? Ja kaufe! Denn ein Seelenpferd wird natürlich nicht umsonst abgeschoben, äh, in gute Hände gegeben um seinen Lebensabend zu genießen.

Tatsächlich gibt es auch unter den Suchanzeigen den Begriff Seelenpferd. Oftmals von ehemaligen Besitzern besagter Pferde, welche diese abgegeben haben und plötzlich sind diese Pferde nicht mehr auffindbar. Dabei war der „Käufer“ am Telefon doch so nett und suchte ein Beistellpferd für sein altes Pony und der Hänger war auch ganz komfortabel. Blöd nur, dass man sich weder die Weide noch das andere Pferd vorher angesehen hat. Eventuell wäre es ja auch möglich gewesen, das Pferd selber dort hinzubringen? Ach ja, die Kosten, kein eigener Hänger und dann noch der Abschiedsschmerz…. War ja schließlich das Seelenpferd.

Ein Seelenpferd, dass der Mensch behalten möchte ,muss also anscheinend reitbar sein, fotogen, gesund, sollte steigen können und jeden Tag freudig wiehernd seinem Seelenmenschen entgegen galoppieren um danach mit ihm barfuß über eine Blumenwiese zu tänzeln bevor man sich zum gemeinsamen Mittagsschläfchen hinlegt?

Seelentiere im Internet

Das Internet ist sehr auskunftsfreudig und eine bekannte Suchmaschine spuckte mir 508.000 Ergebnisse zum Begriff Seelenpferd aus. Im Vergleich fand ich zu Seelenhund 166.000, und Seelenkatze 29.800 Ergebnisse. Muss also doch irgendetwas mit dem Reiten zu tun haben? Während ich bei der Seelenkatzensuche meist auf Seiten kam, die sich mit dem Sterben und der Trauer beschäftigten, fand ich beim Hund einen Alleskönner, der immer an der Seite des Menschen ist und alles für ihn gibt. Beim Seelenpferd hingegen finde ich entweder Verkaufsanzeigen, Suchanzeigen oder die oben erwähnten Fotos.

Definition von Seelenpferd

Letztendlich gibt es keine Definition für ein Seelenpferd und das ist auch gut so. Aber egal ob Seelenpferd oder nicht, jedes Pferd hat das Recht mit Respekt behandelt zu werden und zwar auch, wenn es nicht mehr reitbar oder fotogen ist. Nur weil ein Pferd alt ist, mehr Pflege braucht, das eine oder andere Gebrechen oder spezielle Bedürfnisse hat , ist das kein Grund es weg- oder abzugeben um sich ein neueres Modell anzuschaffen! Oft höre ich, dass man kein Geld für ein zweites Pferd hat und alles so teuer wäre. Ironischerweise häufig von Menschen, die sich fürchterlich darüber aufregen, dass ein alter Hund mit 16 Jahren im Tierheim abgegeben wurde, weil man ihm nicht mehr gerecht wird oder sich darüber echauffieren , dass der Nachbar seine Frau gegen eine Jüngere ausgetauscht hat….

Seelenpferd oder Sportgerät?

Bei Pferden ist das etwas anderes, denen kann man einen Umzug zu fremden Pferden in einer fremden Umgebung mit ungewisser Zukunft zumuten, weil es für die Zwecke des Menschen nicht mehr nützlich ist. Hauptsache weit weg denn dann hat man ja einen Grund sich nicht mehr kümmern zu müssen und mehr Zeit für das neue Seelenpferd, schließlich will man ja reiten. Pferde sind keine Sportgeräte, die allein aus dem Grund bei uns sind, damit wir auf Ihnen reiten können oder um unseren Ehrgeiz zu befriedigen und die wie ein Auto entsorgt werden können, wenn sie nicht funktionieren , alt oder „rostig“ sind. Für mich sind es fühlende Wesen, die all unseren Respekt verdienen für das was sie für uns getan haben und für das was sie sind! Vielleicht erinnert Ihr Euch daran, wie es sich angefühlt hat, als Euer Pferd zu Euch gekommen ist? Wie war es das erste Mal auf ihm auszureiten? Vielleicht die erste Prüfung mit ihm gewonnen zu haben? Wie fühlte es sich an nach Schulstress, Streit oder Liebeskummer zu ihm zu kommen und sich trösten zu lassen? Auf der Weide zu sitzen und nicht glauben zu können, dass es tatsächlich Euer Pferd ist. Erinnert Euch an alles, was Ihr zusammen erlebt habt und versucht zu fühlen und vielleicht, ja vielleicht seht Ihr dann nicht nur das alte oder nichtreitbare Pferd in ihm, sondern einen Freund, der immer für Euch da war und der nun auch einen Freund gebrauchen kann. Wenn Ihr das nicht wollt oder könnt und das Reiten Priorität im Leben hat, dann erzählt mir bitte nichts von Seelenpferden!

 

Foto: Pixabay, photo graph

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von Anja Bicker

Schlagwörter: Seelenpferd Beistellpferd

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Expertenteam

Ralf Döringshoff
  • Besamungstechniker für Pferde
  • Pferdewirtschaftsmeister Zucht+Haltung
  • Trainer Leistungssport (mit Lütke-Westhues-Auszeichnung)
  • Osteopath und Physiotherapeut f. Pferde n. Welter-Böller
Dr. Kathrin Irgang
  • Veterinärmedizin
  • Ernährungsberatung Kleintiere
  • Führt eine Ernährungsberatungspraxis für Pferde, Hunde und Katzen