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Rubrik:
Biomechanik für Reiter
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Fesselstellung Zehenachse Weiche Fessel Durchtrittigkeit Ralf Döringshoff Biomechanik



Weiche Fesseln und Durchtrittigkeit

Wann ist ein Pferd durchtrittig und was heißt das eigentlich für den Reiter? Unser Biomechanik Experte Ralf Döringshoff erklärt.

Veröffentlicht am 24.10.2017 / Zuletzt aktualisiert am 24.10.2017

Um Fragen rund um das Fesselgelenk zu erörtern hat Ralf Döringshoff ein Modell des sogenannten Fesseltrageapparates entwickelt. Es zeigt das Röhrbein, Fessel und Kronbein sind als Einheit dargestellt und das Hufbein.

Es wird sehr anschaulich dargestellt, welchen Effekt der Fesselträger zusammen mit der Strecksehne auf das Fesselgelenk ausübt und wie der Gelenkknorpel der Gleichbeine leiden kann bei Fehlstellungen und Überlastungen. Als weich bezeichnet man die Fesseln, wenn der Winkel der Zehe zum Boden deutlich weniger als 45° beträgt.

Der sogenannte Hufwinkel hat hier großen Einfluss auf die Situation im Fesselgelenk und umgekehrt. Der Hufwinkel und der Fesselstand beeinflussen sich gegenseitig. Je „weicher“ die Fesselung umso mehr fehlt die tragende Funktion der Zehe. Das Gewicht des Pferdes hängt tatsächlich umso mehr im Fesseltrageapparat. Das Modell veranschaulicht die Situation und die Konsequenz für die sogenannten passiven Strukturen im Fesselgelenk. Diese sind im Einzelnen: Fesselträger, Fesselringband, Gleichbeinbänder. Ebenfalls stark gedehnt werden die Unterstützungsbänder der Beugesehnen und die Beugesehnen, damit ist dann auch die Hufrolle involviert.

Steile Fesselung bedeutet viel Druck auf den Gelenkknorpel vor allem im Fessel-und Hufgelenk.

 Steile Fesselung bedeutet viel Druck auf den Gelenkknorpel vor allem im Fessel-und Hufgelenk.

  

„Normale“ Fesselung, das Gewicht wird gleichmäßig auf Gelenke und Fesseltrageapparat verteilt.

 

 

Weiche Fesselung, (Bärentatzig) viel Gewicht hängt in Sehnen und Bändern, das ist auf Dauer schmerzhaft. Der Gelenkknorpel der Gleichbeine wird stark komprimiert

Je mehr das Fesselgelenk nach unten gedrückt wird, umso stärker wird der Fesselträger, die Gleichbeine und der Gelenkknorpel der Gleichbeine belastet. Sehnen und Bänder werden entsprechend stark gedehnt. Sehnen und Bänder sind aus dem gleichen Gewebe, der Unterschied besteht darin, dass eine Sehne einen Knochen mit einem Muskel verbindet, ein Band verbindet Knochen mit Knochen. Der Fesselträger ist also auch ein Band. Bänder sind, genau wie Sehnen, in ihrer Funktion und Wirkung mit sehr straffen Gummibändern vergleichbar. Der Gummibandeffekt entsteht durch die molekulare Struktur der Kollagenfasern.

Eine Überdehnung von Bändern (beim Menschen spricht man vom verstauchten Knöchel) ist sicherlich auch für ein Pferd sehr schmerzhaft. Der Versuch, das Fesselgelenk bzw. die Bänder vor einer weiteren Überdehnung zu schützen, führt zu einer Kettenreaktion muskulärer Verspannungen, die in der Knieregion beginnt und im Rücken endet. Mit dieser verspannten Muskulatur kann das Pferd das Gewicht nicht mehr federnd aufnehmen, die Fesselgelenke werden überlastet. Ein dramatischer Teufelskreislauf entsteht.

Der Versuch, die Sehnen und Bänder im Bereich des Fesselgelenkes zu schonen führt letztendlich zur Überlastung derselben. Es kommt zu vielen Zerreißungen einzelner Kollagenfasern, sogenannte Mikrotraumen. Der Körper repariert diese Defekte mit Narbengewebe. Es ist derber und kräftiger. Es reißt nicht mehr so leicht, kann aber „ausleiern“. Dieses ausgeleierte Narbengewebe äußert sich dann im klinischen Bild der Durchtrittigkeit, man spricht auch von der bärentatzigen Stellung im Fesselgelenk. Für das Pferd als Fluchttier ist das doppelt dramatisch. Zum einen ist das Pferd für seine Überlebensstrategie auf einen gut und schmerzfrei funktionierenden Bewegungsapparat angewiesen. Zum anderen ist der Federeffekt des Fesseltrageapparates eine bedeutende Bewegungsunterstützung. Fehlt diese, wird die Bewegung sehr aufwendig und anstrengend. Auch das reduziert das Wohlbefinden des Pferdes ganz erheblich.

Neben einer angezüchteten weichen Fesselung sind als begünstigende Faktoren zu lange Hufpflegeintervalle von mehr als 5 Wochen und die überfordernde Arbeit zu erwähnen. Intensive Arbeit ohne Losgelassenheit, viel Galopparbeit oder Versammlung, Springen, all das sind Ansprüche, die die Fesselgelenke überlasten.

Hier ein paar Beispiele für starke Belastungen auf das Fesselgelenk.

 

Im Zusammenhang mit weiteren negativen Faktoren kann die Durchtrittigkeit begünstigt werden. Als osteopathischer Pferdetherapeut weiß ich um diese Zusammenhänge und achte deshalb als Trainer vor allem auf die Bewegung der Fesselgelenke und wie sich diese im Verlauf des Trainings bzw. des Reitunterrichts entwickelt. Weniger ist mehr ist die Devise ist täglichen Trainings, wenn man die Strukturen der Fesselgelenke nicht überstrapazieren möchte. Erwähnt werden sollte auch, dass die Fütterung massiven Einfluss auf die Stabilität von Sehnen und Bändern haben kann. Die Stabilität der sogenannten alpha-Helix, in der die Eiweißmoleküle in den Kollagenfasern angeordnet sind, wird durch die Wasserstoffbrücken erreicht und stabilisiert. Die Wasserstoffbrücken sind vom pH-Wert abhängig. Dieser wird durch die Futterwahl und die Fütterungstechnik stark beeinflusst. Zuviel Kraftfutter und wenig Heu begünstigen einen niedrigen pH-Wert und reduzieren die Stabilität der Kollagenfasern, also von Sehnen und Bändern. Eine weiche Fessel kann genetisch bedingt sein, alle anderen, die Durchtrittigkeit begünstigende Faktoren, sind beherrschbar. Regelmäßige Hufpflege, arbeiten in Losgelassenheit, und ein genaues Beobachten der Veränderungen im Fesselgelenk gehören zur Verantwortung des Menschen für die Gesundheit des Pferdes. Letztendlich brauchen wir auch bei der Frage nach dem Fesselgelenk mal wieder Harmonie. Harmonie zwischen Möglichkeiten des Pferdes bzw. einzelner Körperbereiche und Ansprüchen an das Pferd. Eine Sensibilisierung für das Fesselgelenk und Aufklärung darüber, wie man die Situation der Fesselgelenke einschätzt und Veränderungen wahrnimmt ist ein wesentlicher Inhalt der Seminare des Autors.

 

 

 

 

von Ralf Döringshoff

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