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Rubrik:
Rasseportraits


Die Wirkung des Schlaufzügels

Unser Biomechanik-Experte Ralf Döringshoff erklärt die Wirkung von Schlaufzügeln.

Veröffentlicht am 08.01.2017 / Zuletzt aktualisiert am 12.10.2017

Damit ein Pferd als leichtrittig gilt und ein angenehmes Reitgefühl vermittelt, soll es im Genick nachgeben. Dafür müssen sich die Genickmuskeln mehr dehnen lassen.

Bild 1: Die Anlehnung. Autor: Ralf Döringshoff
Die Dehnung und Mehrdehnung von Muskeln kann man grundsätzlich nicht wirklich lernen, sie muss allmählich entwickelt werden.
Auch eine Rumpfbeuge, das Pendant zur Dehnungshaltung, kann in ihrer Deutlichkeit nur nach und nach entwickelt werden.

Bild 2: Rumpfbeuge vs. Vorwärts/Abwärts Autor: Ralf Döringshoff
Die Leistungsbereitschaft, die Leichtrittigkeit und Durchlässigkeit des Pferdes ist abhängig von der Dehnungsbereitschaft der Muskeln vor allem der Oberlinie, sprich Genick-, Oberhals- und Rückenmuskeln. Voraussetzung dafür ist die Losgelassenheit, welche wiederum das Ergebnis einer sinnvollen lösenden Arbeit darstellt. All das hängt grundsätzlich vom Wohlbefinden eines gesunden Pferdes ab. Wurde das Pferd erfolgreich gelöst, dann entspannt es sich. Die Muskeln der gesamten Oberlinie entspannen sich, das Pferd gibt auch im Genick nach. Das ist die Grundvoraussetzung für ein sinnvolles Training, egal, welche Disziplin.
Zum Erreichen dieses Anspruchs unterstützt man das Pferd sinnvoll mit den entsprechenden reiterlichen Hilfen. Wenn man dazu nicht in der Lage ist, dann "hilft" der Schlaufzügel, das Pferd in die gewünschte Haltung zu zwingen. Um die Wirkung des Schlaufzügels zu verstehen, müssen wir uns mit den physikalischen Hebelgesetzen vertraut machen. Ganz einfach:

Bild 3: Hebelgesetz. Autor: Ralf Döringshoff
Genau diese Hebel finden wir am Kopf des Pferdes:

Bild 4: Anwendung der Hebelwirkung auf den Kopf des Pferdes.Autor: Ralf Döringshoff
Wenn der Mensch den Kopf des verspannten Pferdes in die gewünschte Position zieht, dann verzehnfacht sich die Kraft, die das Pferd aufbringen muss, um die offensichtlich noch nicht genügend erarbeitete und damit schmerzhafte Dehnung der Muskeln zu verhindern.
Mit dem Schlaufzügel wird der Aufwand der muskulären Gegenwehr des Pferdes zur Schmerzvermeidung nochmal verdoppelt:

Bild 5: Schlaufzügel als Umlenkrolle. Autor: Ralf Döringshoff

 


Oder anders dargestellt:
Beim Schlaufzügeleinsatz hat der Gebissring die Wirkung einer Umlenkrolle.
Der Mensch erreicht durch diese Umlenkrolle bei  gleicher Zugkraft die doppelte Krafteinwirkung auf das Gebiss, damit auf Zunge und Lade des Pferdemauls.
Darum wird der Schlaufzügel gerne als Hilfsmittel eingesetzt.
Selbstverständlich kann das Pferd den Kraftaufwand der Gegenwehr in der gesamten Oberlinie trotz massiver Verspannung nicht leisten. Die Stirn-Nasenlinie kommt dann auch deutlich hinter die Senkrechte.
Dabei wird das Nackenband massiv überdehnt. Eine Bänderdehnung ist extrem schmerzhaft.

Bild 6: Kraftverteilung des Zügelzuges und Effekt auf das Nackenband. Autor: Ralf Döringshoff
Somit dürfte auch ohne Medizinstudium sehr leicht nachvollziehbar sein, dass der Schlaufzügeleinsatz nur dann nötig ist, wenn man leider wirklich gar keine Ahnung von der klassischen Reitlehre hat und trotz massiv eingeschränkten reiterlichen Fähigkeiten ein Pferd reiten möchte.
Der Schlaufzügel erzwingt eine Haltung des Pferdes, die dem Wohlbefinde des Pferdes, weil der Natürlichkeit, überdeutlich widerspricht und somit allen Grundsätzen der klassischen Reitlehre sehr kontrovers gegenübersteht.
Ausgerechnet diese Grundsätze haben sich die Dachorganisationen des Reitsports selbst auferlegt, legitimieren aber den Einsatz des Schlaufzügels auf Veranstaltungen, wo Reiterinnen und Reiter als Vorbilder fungieren sollen.
Gerechtfertigt wird der Einsatz des Schlaufzügels damit, dass die entsprechenden Menschen gut reiten können.

 


Wirklich?

 


Dem Pferd gegen seine Möglichkeiten und gegen sein Wohlbefinden den Kopf herunter zu ziehen ist Tierquälerei.

Foto: Dr. K. Tönnies
Das sollte man wirklich nicht diskutieren, sondern akzeptieren und dann hoffentlich auch mal im Sinne der eigenen Forderungen reagieren.

von Ralf Döringshoff

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Expertenteam

Ralf Döringshoff
  • Besamungstechniker für Pferde
  • Pferdewirtschaftsmeister Zucht+Haltung
  • Trainer Leistungssport (mit Lütke-Westhues-Auszeichnung)
  • Osteopath und Physiotherapeut f. Pferde n. Welter-Böller
Dr. Kathrin Irgang
  • Veterinärmedizin
  • Ernährungsberatung Kleintiere
  • Führt eine Ernährungsberatungspraxis für Pferde, Hunde und Katzen